Beratungszentrum für Ehe-, Familien-, Lebens- und Glaubensfragen Mönchengladbach
http://beratungszentrum-mg.kibac.de/nachrichten?mode=detail&action=details&siteid=1030504&type=news&nodeid=f3735c7f-fb03-4c19-8f65-35dd7f2c0afe

 

Woran erkennt man, was heilt und was hilft?

Fachtagung in Aachen erörterte auf Einladung der beiden großen Kirchen die Chancen und Risiken spiritueller Heilungsangebote

In den letzten Jahrzehnten ist in Deutschland ein großer Markt esoterischer Anbieter entstanden. Fachleute beobachten diese Entwicklung mit Blick auf psychisch labile Menschen mit Skepsis und Sorge.

Die Praxen, Kliniken und Beratungszentren sind voll von körperlich und seelisch erkrankten Leuten, denen Gurus, Heiler, Medien, Steine, Sterne und Licht nicht weitergeholfen haben. Im Gegenteil: Häufig haben esoterische Heilungsversuche die Leiden noch verstärkt und vertieft.

Auf der anderen Seite bedienen esoterische Anbieter auf ihre Weise Bedürfnisse, welche an anderen Stellen nicht angemessen befriedigt werden. Dass dieser Markt so groß geworden ist, zeugt von den Schwächen der etablierten Anbieter. So bleibt zum Beispiel in der Hektik des Krankenhausbetriebes häufig die menschliche Zuwendung auf der Strecke. Und viele leidende Menschen vermissen bei den Kirchen die Nähe, Antworten auf Sinnsuche und spirituelle Erfahrungen zu erhalten.

Im Sinne der Patienten, Klienten und Ratsuchenden braucht es Brückenschläge zwischen den Lagern, um voneinander zu lernen und Möglichkeiten vertrauensvoller Kooperationen auszuloten. Genau dieses Ziel verfolgte am 6. und 7. November 2009 auf Einladung des Bistums Aachen und der Evangelischen Kirche im Rheinland eine interdisziplinäre Fachtagung in Aachen. 70 Ärzte, Psychologen, Therapeuten und Seelsorger traten in einen intensiven Austausch über Chancen und Risiken der alternativen Gesundheitsanbieter. Die Leitfrage lautete: „Was heilt und was hilft?“

Eine Erkenntnis brach sich rasch Bahn in der Bischöflichen Akademie: Weiter bringt sowohl die Fachleute als auch die erkrankten Menschen nur der differenzierte Blick. Von manchen fernöstlichen Meditationstechniken etwa könne man viel lernen, sagte der Aachener Weihbischof Dr. Johannes Bündgens gleich zu Beginn der Tagung. Um aber die seriösen, gesundheitsförderlichen Anbieter von Scharlatanen zu unterscheiden, bräuchten alle Beteiligten klare fachliche Kriterien.

Kriterien für seriöse Anbieter, Warnzeichen für Scharlatanerie

In Aachen kamen solche Kriterien auf den Tisch. Dazu zählt die Aus- und Fortbildung des Anbieters jenseits phantasievoller Zertifikate, die manche Institute und Vereine in begrifflich nicht geschützten Bereichen ausstellen. Fachliche Standards wie die Vereinbarung des Therapieziels und die klare Beschreibung von Methode, Grenzen und Risiken gehörten dazu. In jedem Fall müsse ein Anbieter die eigenen Grenzen benennen und herausarbeiten, wie die Symptome eventuell noch zu deuten sind.

Zur Sprache kamen auch die Warnzeichen, welche für den heil- und heilungssuchenden Menschen ein Abhängigkeits- und Isolationsrisiko darstellen. Herbert Busch vom Katholischen Beratungszentrum Mönchengladbach skizzierte diese „Big five der weltanschaulichen Vereinnahmung“, es seien dies die Botschaften: „Alles, was geschieht, ist der Wille Gottes. Du bist der Auserwählte. Alles ist möglich, wenn du nur glaubst. Das ist dein Karma, deine Bestimmung. Es sind böse Mächte am Werk.“

In den Kliniken, Praxen und Beratungsstellen laufen allerdings viele Menschen auf, die solche Vorstellungen in sich tragen. Es kommen auch Leute, die Außersinnliches erleben, zum Beispiel Engel sehen, an Geister glauben oder mit Toten sprechen. Je nach Weltanschauung des Arztes, Psychologen, Therapeuten und Seelsorgers stößt diese Begegnung mit empirisch nicht belegbaren Erfahrungen an Grenzen. Gleichwohl gelte es, dem mit Respekt zu begegnen und damit zu arbeiten, hieß es in Aachen.

Das gelte vor allem für die besonders schwierigen Fälle, in denen die Persönlichkeit des Patienten und Klienten ohnehin brüchig sei, skizzierte zum Beispiel Dorothea Galuska, Personalverantwortliche in einer psychosomatischen Klinik. Da die Symptome und Erfahrungen der Menschen mit dem Intellekt alleine nicht erfassbar seien, setzt Galuska durchaus auf Mitarbeiter mit einer „geerdeten Spiritualität“. Einen angstfreien Raum für die Bearbeitung zu schaffen, laute die vorrangige Aufgabe.

Für diesen Zugang zu Menschen in spirituellen Krisen können die etablierten Stellen so manches von den esoterischen Anbietern lernen, so ein Fazit der Tagung. Der Heilpraktiker Jörg Wichmann zeichnete seine Herangehensweise nach. Er entwickelt eine Landkarte für die Landschaft, in der seine Klienten mit außersinnlichen und transpersonalen Erfahrungen landen und in der sie Orientierung brauchen. Die Aufgabe sei dann, lebensdienliche Wege durch diese Landschaft zu finden und zu gehen.

Komplexe Aufgabe der Heilung erfordert Zusammenarbeit

Die Herausforderung, solchen Menschen zu helfen, stellt sich außerordentlich komplex dar, zumal das Umfeld für die Begleitung und Unterstützung nicht günstig ist. Krankenkassen fordern messbare Kriterien ein, um ein seelisches Leiden als Krankheit einzustufen. So müsse ein klarer Steuerungsverlust vorliegen, in seinen Facetten der Psychose, Neurose und Persönlichkeitsstörungen. Ein solcher rein symptomfixierter Zugang sei nicht unbedingt hilfreich, hieß es in Aachen.

Der psychologische Psychotherapeut Siegfried Hamm arbeitete heraus, dass es auch bei einer spirituellen Krise häufig um eine Lebenskrise gehe, um unbearbeitete Konflikte und Erfahrungen, um ungesunde Strukturen in Familie, Partnerschaft und Beruf. Wem es an Urvertrauen fehle, der habe keine gute Basis für den Umgang mit Krisen, Konflikten und Katastrophen. Therapieziel sei dann eine bessere Balance und mehr Souveränität für den Patienten in seinem Leben.

Dabei können spirituelle Angebote eine hilfreiche Brücke sein. Die christlichen Kirchen haben hier, ebenso wie die klassische Medizin, Psychologie und Psychotherapie, einiges an Terrain an die esoterischen Anbieter verloren, obwohl gerade sie ebenfalls über bestärkende, orientierende und heilsame Erfahrung und Ansätze verfügen. In Aachen kamen beeindruckende Beispiele zum Zuge, von meditativen Exerzitienübungen bis hin zu Salbung und Segnung.

Der Psychotherapeut Dr. Wolfgang Siepen betonte den therapeutischen Reichtum von Weltreligionen in diesem Gebiet. Sowohl bei den Methoden als bei der ethischen Grundhaltung unterschieden sich Buddhismus und Christentum vielfach nicht darin, wie sie spirituelle Sehnsüchte der Menschen ansprechen. Der Bezug auf die geistigen und geistlichen Wurzeln dieser beiden Religionen sei hilfreich, um Angebote aus dem esoterischen Bereich bewerten zu können, so Siepen.

„Es gibt zu wenige solcher Orte, unvoreingenommen miteinander zu sprechen“, wertete der evangelische Kirchenrat Pfr. Bernhard Wolf die Tagung als „Zeichen der Hoffnung“. Es lohnt, voneinander zu lernen und Möglichkeiten und Grenzen einer vertrauensvollen Zusammenarbeit auszuloten, so das Fazit der Tagung. Zahlreiche Visitenkarten wechselten den Besitzer, so dass die Idee der Vernetzung im Fall des Falles auf kurzem Weg Wirklichkeit wird – im Interesse der Menschen, die Heil und Heilung suchen.


Von Thomas Hohenschue

Veröffentlicht am 14.09.2011

Test